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Lockdown und Evakuierung

  • Vee
  • 25. März 2020
  • 1 Min. Lesezeit

Für den vergangenen Sonntag war ein freiwilliger Lockdown angekündigt. Und das spürte man, keiner auf den Straßen und es war ruhig. Die Regierung hatte dazu aufgefordert, um 5 Uhr zu klatschen und um 6 Uhr für mindestens 15 Minuten “Aum” zu chanten. Aus dem Klatschen wurde eine regelrechte Party auf den Dächern von Rishikesh – Vertreibung des Viruses. Aum- Chanting gibt positive Energie.

Während des Chantings fuhr die Polizei in den Straßen herum und verkündete den angeordneten Lockdown bis 31.3. Wer sich nicht daran halte, könne sogar verhaftet werden. Unser Tor wurde verschlossen und wir konnten nicht mehr rausgehen. Für meinen Kopf ist das sehr anstrengend gewesen. Es ist eine Sache zu wissen, dass du nicht raus darfst und eine andere, wenn du eingesperrt wirst.Am Montag (letzter Tag des Kurses) fielen nach und nach unsere Klassen aus, weil unsere Lehrer die Schule nicht mehr erreichen konnten. Einer wurde erwischt und musste hohe Strafen zahlen, andere wurden verhaftet.Als abends dann verkündet wurde, dass ab Dienstag Nacht 0 Uhr keine Innlandsflüge mehr gehen, hab ich verstanden, wie ernst die Lage ist. Erst dann! Es war eine der letzten Möglichkeiten, überhaupt aus Rishikesh rauszukommen. Ich ließ für mich einen Flug nach Dehli buchen, der minütlich teurer wurde. Die Herausforderung war es, von Rishikesh den Flughafen Dehradun (ca. 1h Autofahrt) zu erreichen. Im Laufe der Nacht haben sich noch 4 weitere Schüler dazu entschlossen, Rishikesh zu verlassen und mitzufliegen.Am Dienstagmorgen war das Abschlussexamen, wovon auch nur die Theorie geprüft werden konnte, weil der Lehrer für die praktische Prüfung wegen der Umstände nicht kommen konnte. Natürlich hat jeder bestanden. Das Taxi war für 1 Uhr mittags bestellt. Nach dem Frühstück wurde mir plötzlich total schlecht, ich bin hoch auf mein Zimmer gerannt und musste mich direkt übergeben. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich damit, zwischen Bett und Badezimmer zu pendeln. Vomex ermöglichte es mir, für ca. 30 Minuten ein Schläfchen zu halten. Ich hatte ziemlich große Angst, dass ich es aufgrund dieser gesundheitlichen probleme nicht zum Flughafen schaffte, geschweige denn nach Dehli zu kommen. Mir wurde mehr Zeit verschafft, weil uns reihenweise die Taxen abgesagt wurden. Durch die Sperrungen der Straßen durch die Polizei und teilweise Militär war es nicht mehr möglich, die Straßen zu passieren, obwohl ich von der deutschen Botschaft einen Passierschein erhalten habe, der es mir ermöglichen sollte, diese Hürden zu durchbrechen (wortwörtlich die Sperrungen auf der Straße), war keiner bereit uns zu fahren. Kollegen der Taxifahrer waren nämlich bei den vorherigen Versuchen zum Flughafen zu gelangen beleidigt und sogar verprügelt worden. Kann man sowas verantworten? Jemanden zu beauftragen, dich wohin zu fahren in der Gefahr, dass derjenige vermöbelt wird (weil er indischer Staatsangehöriger ist und sich nicht an die Auflagen hält)? Besuche bei der örtlichen Polizei waren nicht erfolgreich, wir bekamen keine Permission.Nach langen und zahlreichen Telefonaten waren 2 Taxifahrer bereit, uns zusammen in einem Auto zu fahren. Geld spielte hier natürlich auch eine große Rolle.Auf den Straßen, die sonst super überfüllt sind, war kaum jemand. Der Adrenalinspiegel war hoch und ich kam mir vor, als wäre ich in einem Horrorfilm. In meinem Körper spielten Übelkeit und Aufregung Ping- Pong.

50 Meter vor der ersten Polizeiblockade hielt der Fahrer und stoppte den Motor. Ein österreichisches Mädchen und ich wurden von den Taxifahrern gebeten, mit unseren Papieren zu den Männern zu gehen, die Situation zu erklären und darum bitten, uns passieren zu lassen. Diese warnten uns, nicht näher zu kommen und ließen uns passieren. Warum war das so einfach? – Weil wir zwei weiße Mädchen waren (was für europäisch bzw. deutsch seht) und die Gefahr, dass wir Corona haben natürlich “ultra hoch” ist. Wir wollten freiwillig aus dem Land ausreisen und das ist in ihren Augen eine Bedrohung weniger. Hätten wir indische Staatsangehörige vorgeschickt, hätten sie uns nicht passieren lassen.Das, was man sonst aus Indien kennt Hupen, Lautstärke, Dunst, keinen Sauerstoff, überall Autos und Motorräder.. Nichts mehr. Auch keine Menschen. Der Ganges- so ruhig wie nie. Die Vögel hab ich noch nie gehört, jetzt das erste Mal.An der zweiten Polizeistation angekommen, dort wollte der Taxifahrer wieder 50 Meter vorher stoppen. Plötzlich kam der Polizist mit seinem Stock auf das Auto zu und schrie aggressiv auf den Fahrer ein, dass er bloß wegfahren soll mit uns. Ich hab seine Augen gesehen, es war kein Spaß. Mit gemischten Gefühlen waren wir auf der Zielstrecke zum Flughafen – Angst vor den Polizisten und Freude, dass wir es fast geschafft hatten. Zum Glück konnten wir ohne Probleme den Airport erreichen, bezahlten die Fahrer und gingen nach Corona-Kontrollen in das Gebäude. Safe!Auf den Bildschirmen des Flughafens liefen die Nachrichten und es kamen Berichte über die Menschen, die sich nicht an die Ausgangssperren hielten. Sie wurden geschlagen und mussten Squats machen.

In Dehli habe ich mit einem anderen Deutschen Bekanntschaft gemacht. Er suchte auch den Weg in das von der deutschen Botschaft gemietete Hotel. Erleichterung für mich, da ich nicht alleine weiterreisen musste. Es war nicht ganz einfach, weil keine Taxen fuhren, nur die öffentlichen Busse. Und die Einheimischen wollten nicht mit uns sprechen, weil wir ja Corona haben könnten. Aber wir haben den richtigen Bus bekommen und nach einem Fußmarsch kamen wir vor dem abgeriegelt Hotel an. Wir würden komplett gescannt. Als der Mann mir das Fieberthermometer auf die Stirn hielt wie eine Waffe war ich kurz in Panik. Mein Körper ist wohl auf alles gewappnet gerade..Wir haben eingecheckt und wurden registriert. Ich hab dann erst mal ne Zigarette geraucht um ehrlich zu sein 🙄😅

Die Zimmer.. Nicht schlecht. Für indische Verhältnisse teuer, aber das ist echt Nebensache jetzt.Heute morgen mussten wir um 9 Uhr auschecken. Das Frühstück wurde vorher ins Zimmer geliefert und war leider nicht so gut. Nach dem gestrigen Tag voller Unwohlsein und Erbrechen bräuchte ich eigentlich mal was richtiges zum Essen..Nachdem wir 3 Stunden in der Lobby gewartet haben, wurden wir mit Bussen nach und nach in die Residenz des Botschafters gefahren, vor der wir erneut 2 Stunden im Bus gewartet haben bis wir endlich reinkonnten. Aber ich mecker nicht, ich bin froh, in sicheren Händen zu sein.

Nach erneuten Sicherheitschecks kamen wir zur endgültigen Registrierung für den Flug. Meiner geht heute Nacht (Do, 26.3.) um 2.30 Ortszeit. Das heißt, ich bin morgen früh in Frankfurt.Ein großes Dankeschön an die Deutsche Botschaft, die trotz aller Hindernisse eine ganze Menge Leute evakuieren konnte und sie jetzt nach Hause bringt. Ich schätze diese Arbeit sehr. Ich habe von keinem anderen Land so viel Engagement mitbekommen wie von Deutschland.Dankeschön.

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